Interview: Dr. Alexander Tuschel — Wirbelsäulenmedizin in Wien„Zwei Drittel meiner Arbeit passieren, bevor der Patient es merkt."
Ein Gespräch mit Dr. Alexander Tuschel über Wirbelsäulenmedizin, die Suche nach Ursachen und die Frage, warum seine Mitarbeiter einen Baristakurs absolvieren müssen.
Herr Dr. Tuschel – ich muss gleich mit dem Offensichtlichen anfangen: Wir sitzen hier zwischen warmem Echtholz und erdigen Farbtönen an einem Ort, der für eine Arztordination … sagen wir … ungewöhnlich ist. Wenn wir uns umsehen, wirkt es eher wie eine Lounge, ein Flughafen-VIP-Bereich oder eine Hotellobby – manche würden sogar sagen: Eingang zu einem Spa. Werden Sie darauf oft angesprochen?
(lacht) Ständig. Manche Patienten glauben beim ersten Besuch tatsächlich, sie hätten sich in der Tür geirrt. Da steht dann jemand im Eingangsbereich, schaut sich um und fragt vorsichtig: „Bin ich hier richtig beim Orthopäden?" – Das passiert öfter, als Sie denken.
Aber das Schöne ist: Wenn sie dann einmal da waren, höre ich immer wieder, wie überrascht und begeistert die Patienten von der Atmosphäre sind. Dieses private, ruhige Wohlfühlambiente – das erinnert eben bewusst nicht an eine klassische Arztordination. Und das ist auch genau die Intention. Wobei der wichtigste Grund vielleicht der ist, den man nicht sofort vermutet.
Nämlich?
Erstens bin ich einfach unglaublich gerne Gastgeber. Ich finde es schön, wenn Menschen sich wohlfühlen. Das steckt in mir drin. Aber darüber hinaus gibt es mittlerweile zahlreiche Belege dafür, dass ein ruhiges, angenehmes Ambiente tatsächlich messbare Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit hat. Das ist keine Esoterik, das ist Psychoneuroimmunologie.
Denken Sie an die typische Situation: Ein Patient kommt zu mir, weil er seit Wochen Rückenschmerzen hat. Vielleicht hat er schon eine Odyssee hinter sich. Er ist angespannt, hat Sorgen, vielleicht sogar Angst. Und dann öffnet er die Tür, nimmt einen sanften Duft wahr, setzt sich in warmes Licht – und kommt in eine Umgebung, die ihm signalisiert: Hier kannst du durchatmen. Hier wird sich um alles gekümmert.

Dr. Alexander Tuschel in seiner Ordination in Wien.
Das klingt fast so, als wäre die Ordination selbst schon Teil der Therapie.
Wenn Sie so wollen – ja. Die Ordination ist die erste Intervention. Noch bevor ich den Patienten überhaupt sehe.
„Die Ordination ist die erste Intervention. Noch bevor ich den Patienten überhaupt sehe."
Es gibt noch einen weiteren Aspekt, der mir aufgefallen ist: Sie scheinen sich hier wirklich Zeit zu nehmen.
Das ist der zweite Grund für dieses Konzept, und der ist ganz pragmatisch. Ich möchte mir für jeden Patienten so viel Zeit nehmen können, wie er braucht. Manchmal ist ein Fall in zwanzig Minuten besprochen. Manchmal braucht es fünfundvierzig. Und wenn ein Patient fünfzehn Minuten länger braucht, dann will ich kein schlechtes Gewissen haben, dass der nächste Patient in einem sterilen Wartezimmer auf einem unbequemen Sessel zwischen mehreren anderen Patienten sitzt und nervös auf die Uhr schaut.
Stattdessen sitzt er draußen in seiner eigenen privaten Lounge, bei leisem Jazz im Hintergrund, mit einem exzellenten Kaffee – und hat es schlicht und ergreifend angenehm. Das nimmt mir den Druck und gibt mir die Freiheit, jedem Patienten die volle Aufmerksamkeit zu schenken, die er verdient.

Professionelle Barista-Qualität – für jeden Patienten.
Sie haben gerade Kaffee erwähnt. Mir wurde vorhin ein Espresso angeboten, der besser schmeckte als in den meisten Wiener Kaffeehäusern. Ist das Zufall?
(grinst) Ganz und gar nicht. Ich bin ein Kaffeefreak, da mache ich keinen Hehl draus. Und wissen Sie, warum mich Kaffee so fasziniert? Weil guter Kaffee im Grunde ein Zusammenspiel aus lauter Variablen ist: Bohnensorte, Röstung, Mahlgrad, Wassertemperatur, Druck, Durchlaufzeit – alles muss zusammenpassen. Das ist Technik, Handwerk und Feingefühl gleichzeitig. Das spricht offenbar etwas in mir an. (lacht)
Jedenfalls haben wir hier eine professionelle Siebträgermaschine mit einem Spitzenkaffee. Und – das ist jetzt der Teil, wo meine Mitarbeiter wahrscheinlich die Augen verdrehen – jeder, wirklich jeder Mitarbeiter, der bei uns anfängt, absolviert einen Baristakurs.
Einen Baristakurs? Im Ernst?
Im Ernst. Bevor Sie bei uns arbeiten dürfen, müssen Sie einen anständigen Cappuccino hinbekommen. (lacht) Das klingt vielleicht übertrieben, aber es hat zwei Dimensionen: Einerseits ist Kaffee eben ein echtes Hobby von mir, und schlechten Kaffee ertrage ich einfach nicht. Andererseits ist das ein Symbol. Es steht für den Anspruch, dass wir bei wirklich allem auf Qualität achten – auch bei den vermeintlichen Kleinigkeiten. Wenn wir beim Kaffee Perfektion anstreben, dann können Sie sich vorstellen, wie ernst wir die medizinische Versorgung nehmen.
Das ist vielleicht meine – ich nenne es mal diplomatisch – meine Leidenschaft für Perfektion. Manche würden es Obsession nennen.
„Wenn wir beim Kaffee Perfektion anstreben, können Sie sich vorstellen, wie ernst wir die medizinische Versorgung nehmen."
Wie ist dieses gesamte Ordinationskonzept eigentlich entstanden? War das von Anfang an so geplant?
Nein, das war kein großer Masterplan. Es war eine Idee, die über die Jahre gereift ist. Kennen Sie das Gefühl im Urlaub? Sie kommen in einem wirklich schönen Hotel an, setzen sich hin, atmen durch – und plötzlich merken Sie: Die Schulter, die seit Wochen wehtut, tut gerade gar nicht so weh. Der Nacken ist lockerer. Die Gedanken werden ruhiger. Nicht weil sich medizinisch etwas verändert hat, sondern weil zum ersten Mal seit Wochen alles passt. Die Umgebung, die Ruhe, das Gefühl, dass sich jemand um alles kümmert. Alle Sorgen des Alltags sind plötzlich ganz weit weg. Dieses Gefühl – dieses „Hier muss ich mich um nichts kümmern, hier wird 360 Grad für mich gesorgt" – das wollte ich in die Ordination bringen.
Dieses Gefühl gibt es im Gesundheitsbereich fast nie. Normalerweise läuft es so: Sie kommen zum Arzt, man behandelt – im besten Fall – Ihr konkretes Problem, und dann werden Sie wieder in den Alltag entlassen. Oft mit einer To-do-Liste, die länger ist als vorher. „Machen Sie noch ein MRT. Gehen Sie noch zum Neurologen. Rufen Sie da an, rufen Sie dort an." Und dann dürfen Sie drei Wochen auf einen Termin warten, den Sie selbst organisieren müssen.
Das wollte ich anders machen.

Die Lobby des Perfect Spine Center von Dr. Tuschel.
Und deswegen gibt es bei Ihnen den Concierge-Service?
Genau. Das funktioniert so: Nach der Besprechung oder Behandlung bei mir kann sich der Patient nochmal in Ruhe in seine eigene Lounge zurückziehen, noch einen Kaffee oder ein anderes Getränk genießen – und währenddessen übernehmen unsere Mitarbeiter die gesamte Organisation der nächsten Schritte. Termine bei anderen Fachärzten, MRT-Termine, Befundanforderungen – alles. Und meistens geht es über uns auch deutlich schneller als über den üblichen Weg.
Das Ziel ist simpel: Wenn der Patient unsere Ordination verlässt, soll er weniger Sorgen haben als vorher. Nicht mehr. Er soll nicht mit einem Rucksack voller Steine und Aufgaben in die nächsten Tage starten müssen. Im Idealfall hat er Klarheit, einen Plan – und alles Organisatorische ist bereits erledigt.
Das ist also die Betreuung nach dem Termin. Aber wie sieht es davor aus? Kann man sich auf einen Erstbesuch bei Ihnen irgendwie vorbereiten?
Muss man gar nicht – das übernehmen wir. Wir haben dafür unseren Smart Start Check-in entwickelt. Das funktioniert so: Vor jedem Ersttermin erfassen wir vorab, worum es geht, was das Problem ist, wie die Vorgeschichte aussieht und – ganz entscheidend – ob und welche Voruntersuchungen es bereits gibt.
Wenn wir in diesem Prozess feststellen, dass ein Patient zum Beispiel eindeutig ein MRT braucht, um weiterzukommen, dann organisieren wir das vor dem Ersttermin. Das heißt: Der Patient kommt beim ersten Besuch bereits mit den wichtigsten Untersuchungsergebnissen, und wir können direkt in die Analyse einsteigen. Direkt an der Strategie arbeiten. Ohne unnötigen Zeitverlust, ohne Leerlauf, ohne dieses frustrierende „Kommen Sie in vier Wochen nochmal, wenn das MRT da ist."
Das heißt, Sie kennen den Fall schon, bevor der Patient bei Ihnen im Behandlungsraum sitzt?
Genau. Und das ist ein Punkt, den die meisten Patienten gar nicht mitbekommen: Wenn sie mir zum ersten Mal gegenübersitzen, habe ich mich bereits intensiv vorbereitet. Ich habe die Befunde studiert, die Bilder analysiert, mir ein erstes Bild gemacht. Ich würde sagen, zwei Drittel der eigentlichen Arbeit passieren, bevor der Patient es überhaupt merkt. Was er dann erlebt, ist das letzte Drittel – aber eines, das auf einem soliden Fundament steht.
„Zwei Drittel der eigentlichen Arbeit passieren, bevor der Patient es überhaupt merkt."

Systematische Analyse – unterstützt durch Spine Samba, Österreichs größte Wirbelsäulendatenbank.
Kollegen nennen Sie manchmal eine Mischung aus Inspektor Columbo und Dr. House. Wie kommt das?
(lacht herzlich) Für mich gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen behandeln und adressieren. Behandeln kann man sofort – dafür reicht das Symptom. Aber wenn man ein Problem gezielt adressieren will, muss man die Ursachen erkennen und verstehen. Welche Struktur? Welcher Mechanismus? Was löst was aus?
„Informatik zwingt dich, sauber zu denken: Wenn-Dann-Logik, Prozesse, Fehlerquellen, Systemverständnis. Diese Denkweise passt erstaunlich gut zur Wirbelsäule."
Das klingt nach einem sehr systematischen, fast technischen Zugang zur Medizin.
Das ist es auch. Und das hat einen Grund: Ich habe berufsbegleitend Medizinische Informatik studiert. Schon nach der Schule stand ich vor der Frage: Medizin oder Informatik? Es hat mich beides sehr interessiert. Ich habe mich für die Medizin entschieden – und später, während meiner Facharztausbildung, konnte ich mir dank meines damaligen Chefs und Mentors im orthopädischen Spital Speising, Prof. Michael Ogon, dann den zweiten Wunsch erfüllen und berufsbegleitend medizinische Informatik studieren.
Und das prägt einen. Informatik zwingt dich, sauber zu denken: Wenn-Dann-Logik, Prozesse, Fehlerquellen, Systemverständnis. Diese Denkweise passt erstaunlich gut zur Wirbelsäule – weil dort viele Symptome nicht linear sind, sondern aus Wechselwirkungen entstehen.
Sie suchen also so lange, bis Sie die Ursache haben – wie Columbo?
Nur dass ich keinen Trenchcoat trage. Meistens. (lacht)
Ihre IT-Expertise hat aber noch eine ganz andere Dimension bekommen. Sie haben ein Tool entwickelt, das ziemlich einzigartig sein dürfte.
Ja, Spine Samba. Das ist mit größter Wahrscheinlichkeit Österreichs größte Wirbelsäulendatenbank. Ich habe damals in Speising begonnen, systematisch alle Patientenfälle zu erfassen – alle verfügbaren Daten, strukturiert, anonymisiert. Das habe ich nach meiner Zeit in Speising konsequent fortgesetzt und weiter ausgebaut.
Mittlerweile haben wir zigtausende Patientenfälle in dieser Datenbank. Das ist ein riesiger Datenschatz, in den man – wenn man möchte – fast unendlich tief eintauchen kann.
Und was bringt das konkret für Ihre Patienten?
Zum Beispiel mehr Sicherheit bei Entscheidungen. Wenn ein Patient vor der Frage steht, ob eine Operation sinnvoll ist oder nicht, kann ich auf Basis dieser Daten ganz konkret zeigen, was bei vergleichbaren Fällen passiert ist. Das ist nicht nur Bauchgefühl oder Erfahrung – das sind belastbare Zahlen.
Und manchmal gehe ich tatsächlich richtig in die Tiefe: komplexe statistische Auswertungen, multivariate Regressionen, inzwischen auch unterstützt durch KI-Modelle. Das passiert zum Beispiel im Rahmen des Executive Spine Friday.
Was ist der Executive Spine Friday?
Das ist ein Format, das ich für ausgewählte Patienten mit besonders komplexen Fällen anbiete. Da nehme ich mir einen halben Tag Zeit – wirklich einen halben Tag – und entwickle ein strategisches Gesamtkonzept. So, wie man es aus den Führungsebenen großer Konzerne kennt: fundierte Analyse, maßgeschneiderte Strategie, langfristiger Fahrplan. Nur dass es hier nicht um Quartalszahlen geht, sondern um die Wirbelsäule.
Das klingt nach einem sehr analytischen Zugang.
Ist es auch. Aber die Analyse ist immer nur Mittel zum Zweck. Am Ende geht es darum, dass der Patient genau versteht, wo er steht, was sein Problem ist und was die nächsten Schritte sind. Klarheit ist das wertvollste Geschenk, das man einem Patienten machen kann.
„Die teuerste Zahnsanierung nützt Ihnen nichts, wenn Sie danach nicht mehr Zähne putzen."
Wir haben jetzt viel über das Drumherum gesprochen – Ambiente, Service, Technologie. Aber wie läuft es ab, wenn Sie tatsächlich vor einem konkreten Wirbelsäulenproblem sitzen?
Im Kern geht es immer um drei Schritte. Der erste, und der ist mir der wichtigste: Verstehen, was wirklich los ist. Das klingt banal, aber das ist es nicht.
Ich habe vorhin über den Unterschied zwischen behandeln und adressieren gesprochen. Viele Patienten kommen zu mir, nachdem anderswo bereits behandelt wurde – Schmerzmittel, Physiotherapie, vielleicht eine Spritze. Das ist alles nicht falsch. Aber wenn das Problem immer wiederkommt, hat man wahrscheinlich das Symptom behandelt, nicht die Ursache adressiert. Also gehe ich zurück an den Anfang: Welche Struktur ist betroffen? Welcher Mechanismus steckt dahinter? Was löst was aus, und was sind Folgeerscheinungen? Die wirklich exakte Eingrenzung der Ursachen – mit allen notwendigen diagnostischen Schritten – ist aus meiner Sicht absolut essenziell. Bevor man überhaupt über Therapie nachdenkt.
Und ich möchte, dass der Patient diesen Weg mitgeht. Nicht weil er ein Medizinstudium braucht, sondern weil jemand, der sein Problem versteht, bessere Entscheidungen trifft und die Therapie ganz anders mitträgt.
Und dann?
Dann kommt der zweite Schritt: die gezielte Therapie. Und hier wird es spannend, denn häufig gibt es eben nicht die eine magische Behandlung, die alles löst. Oft muss man ums Eck denken. Manchmal kommen mehrere Therapien gleichzeitig zum Einsatz, weil sie sich gegenseitig verstärken. Manchmal müssen sie in der richtigen Reihenfolge angewendet werden, weil eine Behandlung quasi die Tür für die nächste öffnet.
Konkret heißt das oft, dass biologische Therapieansätze zum Einsatz kommen, wo man körpereigene Prozesse stimuliert, statt nur mechanisch oder pharmakologisch zu agieren. Ein Medikament kann ein Symptom kurzfristig unterdrücken – aber eine biologische Stimulation körpereigener Heilungsprozesse kann das Problem an der Wurzel lösen.
Und der dritte Schritt?
Prävention. Denn die teuerste Zahnsanierung nützt Ihnen nichts, wenn Sie danach nicht mehr Zähne putzen. Wenn das akute Problem gelöst ist, hören die meisten auf, sich um ihre Wirbelsäule zu kümmern. Verständlich – aber gefährlich. Denn die Patienten haben ja noch viele Jahre und Jahrzehnte vor sich. Man muss die Prävention von Anfang an mitdenken, damit nicht entweder dasselbe Problem wiederkehrt oder bereits entstandene Folgen irgendwann schlagend werden.
„Vergessen Sie 100-Prozent-Lösungen."
Prävention ist allerdings eines dieser Themen, die in der Theorie großartig klingen, aber in der Praxis …
… schwer durchzuhalten sind. Absolut. Und deswegen sage ich meinen Patienten: Vergessen Sie 100-Prozent-Lösungen.
Das muss ein Arzt erst mal sagen.
Ich weiß. (lacht) Aber ich meine es ernst. Prävention muss wie Zähneputzen sein: eine kurze Routine, die nicht wehtut, die nichts kostet, die man überall machen kann – ob zu Hause, auf Dienstreise oder im Urlaub. Das deckt vielleicht achtzig Prozent ab. Aber mir ist eine 80-Prozent-Lösung, die ein Patient dauerhaft durchzieht, immer lieber als ein perfekter 100-Prozent-Trainingsplan, den er nach drei Wochen abbricht, weil er nicht in den Alltag passt.
Denn was passiert sonst? Der Arzt verschreibt das theoretisch perfekte Programm: dreimal pro Woche Physiotherapie, tägliche Übungen von dreißig Minuten, bestimmte Geräte, regelmäßige Kontrolltermine. Am Papier ist das die Hundert-Prozent-Lösung. In der Realität zieht der Patient das vielleicht zwei, drei Monate durch – solange der Leidensdruck noch da ist. Und dann? Dann kommt der Alltag zurück. Die Termine werden weniger, die Übungen kürzer, bis irgendwann null Prozent übrigbleiben.
Und null Prozent sind eben schlechter als achtzig.
Das ist eine überraschend pragmatische Aussage für einen Mediziner.
Ja, und das war ein Lernprozess. Je älter ich werde und je mehr Patienten ich begleite, desto klarer wird mir: Die Welt auf meiner Seite des Schreibtischs sieht einfach anders aus als auf der Seite des Patienten. Ich sehe die Wirbelsäule, die Befunde, die Biomechanik. Der Patient sieht seinen Job, seine Familie, seine Reisen, sein Leben. Das Leben meiner Patienten ist schon stressig genug – ich will es nicht noch komplizierter machen.
Und man darf nicht so vermessen sein zu glauben, man könne das gesamte Lebenskonzept eines Menschen opfern am Altar der Wirbelsäulengesundheit.
Das ist ein schöner Satz.
Aber ein wahrer. Deswegen versuche ich, bei der Entwicklung jeder Strategie die individuellen Möglichkeiten, Einschränkungen, Präferenzen und zeitlichen Ressourcen des Patienten mitzudenken. Damit wir zu einem Konzept kommen, das im echten Leben funktioniert – nicht nur in der Theorie.
„Dolce Vita statt Dolore."
Das klingt jetzt alles sehr exklusiv, aufwändig und strategisch. Aber was, wenn der Schmerz akut ist und man keine Zeit für Strategie-Meetings hat?
Da sprechen Sie einen wichtigen Punkt an. Nicht immer braucht man die große Strategie – manchmal muss das Feuer einfach schnell gelöscht werden. Dafür habe ich ein herrlich einfaches Kontrastprogramm entwickelt. Ich nenne es liebevoll: Infiltrazione all'Inflazione.
Infiltrazione all'Inflazione? (lacht) Wie bitte?
(grinst) Die Idee stammt tatsächlich von meinem Lieblingsitaliener. Der hat, seit die Inflation so verrückt spielt, Gnocchi all'Inflazione auf der Karte – inklusive Getränk, zu einem unschlagbaren Preis. Seine Antwort auf die Teuerung. Das hat mich sofort inspiriert, denn der Gedanke dahinter ist wunderbar: Die Zeiten mögen schwierig sein, aber Italiener wissen auch in schweren Zeiten, wie man gut lebt. Dolce Vita statt Dolore, wenn Sie so wollen.
Und weil es bei uns ohnehin perfekten italienischen Kaffee gibt, blieben wir gleich beim Italien-Thema. Also: Infiltrazione all'Inflazione. Das ist mein Express-Service, speziell für meine Stammpatienten, deren Rücken ich schon gut kenne. Wenn es da zwickt, braucht es keine langen Vorgespräche oder neue Fahrpläne. Da gibt es die schnelle Infiltration gegen den Schmerz. Und das Beste: Wir rechnen das zum hundert Prozent erstattbaren Kassentarif ab. Für den Patienten ist das also komplett kostenlos.
Kostenlose Hilfe in diesem Ambiente? Das überrascht.
Warum nicht? Die Inflation ist schon hoch genug – da muss schnelle Hilfe nicht auch noch teuer sein. Und damit das Flair trotzdem stimmt, machen wir das wie in Italien: Draußen in der Lounge gibt es danach noch schnell einen Caffè al banco – einen Espresso im Stehen an der Bar. Rein, Infiltration, Espresso, raus. Schmerz weg, Koffein drin, Geldbeutel geschont. Das ist die ideale Ergänzung zu den großen Konzepten.

Hier bei Prof. Ogon begann alles für Dr. Tuschel: Das ehrwürdige orthopädische Spital Speising.
Abschließend vielleicht noch die Frage: Wie kamen Sie eigentlich zur Wirbelsäulenorthopädie? War das immer der Plan?
(schmunzelt) Überhaupt nicht. Wie so oft im Leben war es Zufall.
Denken Sie mal an Ihr eigenes Leben zurück: Wie viele Ihrer wirklich lebensentscheidenden Weichenstellungen waren tatsächlich geplant? Und wie viele haben sich einfach ergeben, durch Zufall, durch eine Begegnung, durch eine Tür, die sich unerwartet geöffnet hat?
Bei mir war es genauso.
Erzählen Sie.
Also: Ich hatte Medizin studiert, war für meine Dissertation nach Deutschland gegangen – in das High-Tech-Biomechanik-Labor von Professor Plitz, einer echten Koryphäe im Bereich Biomechanik und Testung von künstlichen Gelenken. Ich hatte Riesenglück, dort fast ein ganzes Jahr arbeiten und forschen zu dürfen. Gelenkersatz war das heiße Thema, und ich war überzeugt: Das ist mein Weg. Darauf werde ich mich spezialisieren.
Dann kam die Realität. Es war damals extrem schwer, einen Ausbildungsplatz für die Facharztausbildung zu bekommen. Viele Absolventen, wenige Plätze. Ich habe mich an so ziemlich jeder orthopädischen Abteilung in Österreich beworben.
Und dann?
Und dann war es ausgerechnet Professor Michael Ogon, der gerade eine neue Wirbelsäulenabteilung im Orthopädischen Spital Speising gegründet hatte, der mich zum Vorstellungsgespräch einlud und mir die Stelle gab. Und plötzlich stand ich vor einem kompletten Richtungswechsel: Weg von Gelenken, hin zur Wirbelsäule.
War das ein Schock?
Es war eine Überraschung. Aber es war die beste Überraschung meines beruflichen Lebens.
„Nicht fürs Ego – sondern weil jemand vor dir liegt, der sich dir anvertraut."
Speising ist ja ein Ordensspital – ein Haus mit einer ganz eigenen Tradition. Was hat diese Zeit dort so besonders gemacht?
Ich sage manchmal: Speising war wie eine Klosterschule – nur mit Wirbelsäulen-OPs. (lacht)
Aber im Ernst: Damals war dieser Ordens-Aspekt deutlich präsent. Klosterschwestern auf den Stationen und im OP-Saal, regelmäßige Gottesdienste, eine spürbare Strenge im ganzen Haus. Das war nicht folkloristisch – das war Kultur. Man ist da als junger Arzt reingekommen und hat schnell verstanden: Hier geht es nicht um Show. Hier geht es um Haltung.
Was macht das mit einem?
Selbst wenn man privat mit Religion wenig zu tun hat: Du spürst dieses Klima aus Routinen, Verlässlichkeit, Demut vor dem Handwerk. Saubere Abläufe und Konsequenz – die tragen dich, wenn es im OP einmal wirklich anspruchsvoll wird. Und diese Klosterschul-Energie erzeugt einen inneren Standard. Du willst nicht „eh gut" sein. Du willst wirklich gut sein. Nicht fürs Ego – sondern weil jemand vor dir liegt, der sich dir anvertraut.
Und dann mitten in diesem Setting: Professor Michael Ogon, der gerade eine brandneue Wirbelsäulenabteilung aus dem Boden stampfte. Innovation traf auf Tradition. 3D-Operationsplanung neben Klosterschwestern. Wenn Sie mich fragen, war genau diese Mischung das Geheimnis.
Inwiefern?
Die Klosterkultur hat die Disziplin gegeben, die Haltung, den unbedingten Anspruch an sich selbst. Und Ogon hat die fachliche Vision geliefert, den Innovationsgeist, den Mut, Dinge anders zu machen. Beides zusammen war – rückblickend betrachtet – eine verdammt gute Schule. Fachlich, aber auch persönlich, fürs ganze Leben.
Was genau haben Sie dort gemacht?
Gemeinsam haben wir Pionierarbeit geleistet und die Abteilung zur größten Wirbelsäulenabteilung Österreichs ausgebaut. Wir haben damals Dinge gemacht, die heute selbstverständlich sind, aber damals echte Innovation waren. Digitales Röntgen zum Beispiel – können Sie sich vorstellen, dass wir zu Beginn meiner Speisinger Zeit tatsächlich noch analoge Röntgenfilme gegen das Licht gehalten haben? Da konnte dann meine IT-Expertise mit einfließen, in die Auswahl des richtigen Systems und die strategischen Überlegungen für die Digitalisierung.
Dann Spine Samba – dieses Wirbelsäulenregister, das heute Österreichs größtes ist, das haben wir damals begonnen aufzubauen.
Und wir waren unter den ersten Anwendern des revolutionären MySpine-Systems – einem System, mit dem man personalisierte Operationsschablonen im 3D-Drucker erstellen kann, basierend auf 3D-Planungs-CTs. Ich bin dann Referenzchirurg, Trainer und Ausbildner für dieses System geworden.
Das alles zwischen Klostermauern, wohlgemerkt.
Profitieren Ihre Patienten heute noch direkt von dieser Pionierarbeit?
Jeden Tag. Spine Samba ist das Fundament meiner Diagnostik – jede Entscheidung, die ich heute treffe, basiert auf diesem Datenschatz. Und die Denkweise, die hinter all diesen Projekten steckt – Digitalisierung, Datenanalyse, Prozessoptimierung – das ist genau das, was meine Patienten erleben, wenn ich ihren Fall durcharbeite. Sie merken es nur nicht, weil es unter der Oberfläche passiert.

Sie haben Professor Ogon jetzt mehrfach erwähnt. Was hat er für Sie bedeutet?
Er war nicht nur ein fantastischer Lehrer – er war ein Vorbild. Wir standen von früh bis spät im OP. Seine Arbeitsmoral, seine Einstellung, seine Herangehensweise an Probleme – das hat mich in den ersten fünf, sechs Jahren zutiefst geprägt, auch als ich schon fertiger Facharzt war.
Können Sie das konkret machen?
(schmunzelt) Es gibt ein Bild, das ich nie vergessen werde. Egal wie spät es war, egal wie lang der Tag – wenn ich abends die Abteilung verlassen habe, brannte in seinem Büro noch Licht. Immer. Er war der Letzte, der ging. Jeden einzelnen Tag. Das war kein Show-Effekt, das war einfach … er. Sein Anspruch an sich selbst.
Und wissen Sie, wie ich das weiß? (grinst) Weil sein Auto am Parkplatz stand. Und das war gleichzeitig mein kleines Abendritual: Ich hatte immer ein Mikrofasertuch in der Tasche, und wenn ich am Heimweg an seinem Wagen vorbeigegangen bin, habe ich im Vorbeigehen kurz seine Felgen poliert.
Sie haben abends auf dem Parkplatz die Felgen Ihres Chefs poliert?
(lacht) Jeden Abend, wenn es nötig war. Und es war fast immer nötig – denn er war ja noch da. Professor Ogon hatte zu dieser Zeit vermutlich die saubersten Felgen ganz Speisings. Das war sozusagen ein Nebenprodukt seiner Arbeitsmoral.
Aber wissen Sie, was das eigentlich war? Das war meine Art, ein kleines „Danke" zu sagen. Man muss sich das vorstellen: Ich hatte mich damals an so ziemlich jeder orthopädischen Abteilung in ganz Österreich beworben. Dutzende Primarii. Die meisten haben nicht einmal geantwortet. Manche haben abgelehnt. Und dann kommt dieser eine Mann, der dich nach dem ersten Vorstellungsgespräch nimmt. Der dir eine Chance gibt, die dein ganzes Leben verändert. So etwas vergisst man nicht. Und so etwas kann man mit einem Mikrofasertuch nicht annähernd zurückzahlen – aber man kann es zumindest versuchen.
Aber im Ernst – diese Haltung, dieses „Ich gehe erst, wenn alles erledigt ist", das hat mich nachhaltig beeinflusst. Er hat jede Fortbildung, jeden Kongress, jeden Workshop aktiv unterstützt und gefördert. Und er war es auch, der mir ermöglicht hat, das Informatik-Studium berufsbegleitend durchzuziehen – durch die Flexibilität, die er mir gegeben hat. Es war damals die Zeit, wo man auf jede erdenkliche Fortbildung fahren konnte und das auch aktiv gefördert wurde.
In Kombination mit der Disziplin, die dieses Haus einem beigebracht hat, war das eine Phase des maximalen Lernens. Und all diese Erfahrungen – die fachliche Exzellenz, die technologische Innovation, das Vorbild eines Chefs, der immer der Letzte war, aber eben auch die Haltung und die Werte aus dieser Klosterschule – das ist genau das, wovon meine Patienten heute profitieren.
„Innen Klosterschule – außen Lounge."
Herr Dr. Tuschel, wenn Sie zurückblicken – von der Klosterschule in Speising bis zu dieser Lounge hier: Was ist Ihre Signatur als Arzt?
(überlegt kurz) Vielleicht genau das: Innen Klosterschule – außen Lounge. Die Disziplin, die Struktur, das Handwerk – das kommt aus Speising, das steckt tief drin. Und das hier draußen, das Gastgeber-Sein, die Ruhe, das Auffangen der Menschen – das ist die andere Seite. Beides zusammen ergibt das, was meine Patienten erleben.
Herr Dr. Tuschel, vielen Dank für das Gespräch.
Sehr gerne. Wollen Sie noch einen Espresso?
